5.000 Zeichen zur Zukunft der Automobilindustrie

Die Grundlagen: Das Mobil der Zukunft ist autonom und vernetzt. Es zu besitzen bietet keinen objektiven Vorteil mehr, schon gar keinen finanziellen. Es wird vielfach von einem elektrischen Motor angetrieben sein. Angesichts der lautstarken Diskussionen um die Leistungsfähigkeit und Limitationen von Elektromotoren füge ich hinzu: Das ist keine Wertung, das ist eine Prognose. Und zwar eine ziemlich sichere.

Das Mobil der Zukunft wird optisch und funktional nur noch wenig mit heutigen Automobilen zu tun haben. Es ist gemacht zum Arbeiten, Schlafen, Kommunizieren, Therapieren, Essen, Frisieren, etc. Mit diesen Funktionalitäten verschieben sich die Anforderungen und Werte. Wenn ich die Zeit unterwegs nach Belieben nutzen kann, ist „schneller ankommen“ kaum noch von Interesse. Das Ende der Hochgeschwindigkeitsära. Fahrvergnügen ist für den Passagier schlicht nicht relevant. Motor-, Lenkungs- und Fahrwerksabstimmung folgen anderen Maximen. Nötig sind grundlegend andere Kompetenzen für Entwicklung, Produktion und Betrieb. Gehen wir davon aus, dass die Hotellerie mehr Sachverstand und Erfahrung besitzt, wie angenehme und attraktive mobile Schlafplätze zu designen sind, als die um ein vielfaches größere Automobilindustrie.

Die Mobilität der Zukunft ist kostenlos oder nahezu kostenlos, jedenfalls gemessen in € für den Passagier. Die kommende Generation elektrischer autonomer Fahrzeuge kann Mobilität für weniger als 10 ct/km realisieren. Bereits das ist ohne Schwierigkeiten durch Werbung refinanzierbar, zumindest im Nahverkehr. Wo die Mobilität zum Service gehört, wird ohnehin der Dienstleister die Rechnung begleichen. Natürlich: Wenn das Restaurant meiner Wahl mich rechtzeitig abholt und mir unterwegs bereits einen Aperitif serviert, werde ich mit der Restaurantrechnung mittelbar auch die Mobilitätskosten tragen. Aber zunächst ist Mobilität kostenlos. Das Zeitfenster für Stadtwerke, Bahnbetreiber und Fluggesellschaften, hierauf zu reagieren, ist offen.

Allen Sonntagsreden zum Trotz, das Mindset der Automobilindustrie ist geprägt von einem kernigen „Schwarz, stark, breit“. Auch Tesla macht hier keine Ausnahme. Dieses Mindset wird in den kommenden wenigen Jahren pulverisiert. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird die Disruption der Mobilität nicht aus den Reihen der traditionellen Automobilkonzerne kommen. Denken wir stattdessen an Tech USA, an New Automotive und Tech China. Ein Unternehmen wie Tesla könnte sich also auf beiden Seiten wiederfinden. Denken wir an die großen Zulieferer. Sobald die klassischen Hersteller ihnen Entwicklungsleistung und Teile nicht mehr abnehmen, werden sie andere Lösungen finden. Sie werden selber Fahrzeuge bauen – allerdings nicht, um selbst in die Fußstapfen der gerade gescheiterten Automobilisten zu treten, sondern um die Flotten der Tech-Konzerne zu bestücken, ggf. als Dienstleister zu betreiben.

Die Königsfrage der Mobilität der Zukunft ist eine kulturelle. Das Automobil und mehr noch die Fähigkeit, es zu besitzen und zu beherrschen, ist eines der stärksten Symbole der ersten drei industriellen Revolutionen. Mind over matter. Der Mensch beherrscht die Maschinenkraft. Am Steuer einer C-Klasse mit Tempo 180 partizipiere ich an der zivilisatorischen Leistung, die Kräfte von Kohle und Hochofen, von Ölplattform und Raffinerie, von Elektrik und Elektronik gezähmt und in unseren Dienst gestellt zu haben. Wir haben es darüber hinaus geschafft, diese Leistung zu demokratisieren. Nahezu jeder darf daran teilhaben. Zugleich steckt Symbol Automobil in einem Dilemma. Wir realisieren die objektiven Grenzen, an die wir stoßen: Verschmutzung, Überfüllung, Ressourcenbedarf. Und schlimmer noch: Das Symbol verliert an Kraft, die es allein aus den zurückliegenden industriellen Herausforderungen zieht. Für heute vermag es keine Antwort zu geben, für morgen erst recht nicht. Das Symbol für unsere Rolle in der digitalisierten Welt kennen wir noch nicht. Ein Auto mit Dieselmotor wird es jedenfalls nicht sein. Allein daher werden alle Versuche, den Diesel politisch zu retten, ins Leere gehen, bzw. fahren.

Selbstfahren wird natürlich auf Dauer weiter möglich sein, mit einigen regionalen Einschränkungen für Verbrennungsmotoren. Auch der Betrieb von Pferdefuhrwerken wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nicht untersagt, danke an Stefan @Jenzowsky für diesen nützlichen Hinweis. Das Pferdefuhrwerk ist nur eben mühsam, teuer und umständlich geworden, neuere Formen der Mobilität ihm in nahezu jeder Hinsicht überlegen. Ebenso wird es dem Selbstfahren gehen.

Wir haben uns entschieden, den Wegfall einiger zehntausend Jobs in der Kohleindustrie mit Milliarden € zu kompensieren. Die Auswirkungen der Mobilität der Zukunft auf die Arbeitsplätze in der Automobilindustrie lassen sich noch nicht präzise abschätzen. Faktor 10 plus x gegenüber der Kohle ist die defensivste realistische Schätzung. Das kann und will niemand kompensieren. Zumal den beglückten Kommunen ja schon bei den Kohle-Ausgleichszahlungen nicht viel mehr einfällt, als noch eine Umgehungsstraße zu bauen. Mit Kreisverkehr. Für die Mobilität der Vergangenheit.