5.000 Zeichen zur Zukunft der Buchbranche

Schlagen wir es auf, das Buch. Das leichte Knacken, wenn der Buchrücken zum ersten Mal strapaziert wird. Der flüchtige Geruch nach Farbe und Papierbleiche. Ein Eckpfeiler unserer Kultur. Tausende Menschen werden sich in den Hallen der Frankfurter Buchmesse drängeln, Autoren um Signaturen bitten und um Selfies vor der Bücherwand. Wenn etwas Zukunft hat, dann doch bitte das Buch. Natürlich hat es das, allein: Welche wird es wahrscheinlich sein?

Sortieren wir die Gattungen: Die automatisiert erzeugte Gebrauchsliteratur ist nur eine Frage von Lernprozessen künstlicher Intelligenz, der Qualität der Daten, des Tuns – kurzum: schlicht eine Frage der Zeit. Systeme künstlicher Intelligenz sind in der Lage, Texte zu verfassen. Auch heute schon. Bislang handelt es sich um etwas holperige Dreizeiler zur Produktbeschreibung in Katalogen, geeignet zur Erheiterung und der eiligen Selbstvergewisserung der schreibenden Zunft. Das Ergebnis könne doch niemals mehr als ein Buch nach Schema F sein. Strickmuster: Der erste Sex muss auf Seite 24 erzählt werden, dann ist der Leser am glücklichsten. Und wenn der Leser genau das möchte? Wer von seinem Buch nicht mehr und nicht weniger als Spannung, Unterhaltung, Auf- und Erregung erwartet, wird hier bereits in wenigen Jahren besser bedient werden als mit der Dutzendware heutiger Verlagsprogramme. So herzig das Autorenduo Iny Lorentz auch heute über die Buchmessen-Sofas ziehen mag, ohne sie geht es auch – und perspektivisch wahrscheinlich besser.

Dies führt im zweiten Schritt zu personalisierter Literatur. Mein Krimi, meine Liebesgeschichte, meine Schmonzette. Wenn Algorithmen schreiben, sind Kreativität und Zeit des Autors kein begrenztes Gut mehr. Die digitale Drucktechnik ist längst in der Lage, Bücher mit der Auflage 1 mit Marge zu produzieren. Logistisch darf das Thema auch als gelöst gelten. Spannungslevel und -verlauf auf meine persönlichen Bedürfnisse abgestimmt. Und der Mord geschieht auch auf der richtigen Seite. Wer beim Lesen vor allem den persönlichen Lesespaß sucht, hat hier mehr vom Buch.

Was könnte schöner sein als mein persönliches Buch? Dieses zum Beispiel: Das Buch, dessen Handlung sich automatisch aktualisiert. Der Roman, der jedes Mal anders ausgeht. Die Erzählung, in der der Leser als Figur eine tragende Rolle spielt. Auto-heroische Texte werden zu einem neuen Genre. Mit der automatisiert erzeugten Gebrauchsliteratur erhalten die zahlreichen eReader erst den Anwendungsfall, der sie wirklich besser macht als das gedruckte Buch. Ihre Technologie ruft geradezu danach, Texte ständig zu verändern. Grenzkosten null für Schreiben, Verbreiten und Drucken. Noch etwas weiter am Horizont, wenn auch heute schon technologisch möglich: Texte, die sich während des Lesens verändern, auf Grundlage und in Abhängigkeit der Echtzeit-Daten des Lesers. Wo bleibt er hängen? Wo geht ihr Puls schneller? Wo legt er den Reader beiseite? Letztlich wird Gebrauchsliteratur genau während des Lesens entstehen.

Dem gegenüber steht die Literatur im engeren Sinne. Der Literat wird auf absehbare Zeit keine Verdrängung fürchten müssen. Im Gegenteil, er bekommt reichlich zu tun. Mit der sich weiter beschleunigenden Digitalisierung, mit der immer stärker ausgeprägten Führungsrolle von Daten in Gesundheit, Kommunikation, persönlicher Entwicklung und vor allem mit der rasant wachsenden Leistungsfähigkeit von Systemen künstlicher Intelligenz steht am Ende eines in Frage: Unser Bild von uns selbst als Mensch. Was sind wir im Kern: Der evolutionäre Vorläufer technologischer Systeme? Die Lückenbüßer auf Zeit für die Themen, die wir noch nicht sinnvoll mit künstlicher Intelligenz abbilden können?

Oder sind wir diejenige Spezies, der es gelingt, mit Hilfe von Technologie ein Leben zu entwerfen, das von einer nie gekannten Qualität und Sorgenfreiheit ist? Hierauf dürfen wir von der Literatur wenn nicht gleich Antworten, so doch eine sinnstiftende Reflexion erwarten.

Literatur wird sich dabei nicht mehr im heutigen Maße auf das Buch konzentrieren können. Wir erleben in der Buchbranche Effekte, die ihre Wirkung in anderen Branchen bereits breit entfaltet haben. Wer für sein wirtschaftliches Überleben auf Mischkalkulationen angewiesen ist, tut sich enorm schwer, sobald eine Säule des Geschäfts wegbricht. Der Kulturrat mag immer wieder beschließen: Das Buch ist ein Kulturgut, es bedarf des besonderen Schutzes. Der Buchautor ist es, der erst den Gedanken aus dem Alltag erhebt und eine Ebene des Nachdenkens öffnet, die uns zu Menschen macht. Er nimmt sich die Freiheit und diesen Raum. Das sei die Kunst. Ein Algorithmus hingegen sei doch niemals zu einer solchen Kunst fähig, bestenfalls zu „künstlicher Kunst“.

Fordern wir die Literaten heraus, diesen Wettbewerb anzunehmen. Wer von der Literatur leben will und zur Quersubventionierung nicht mehr auf die bisherigen Massenseller setzen kann, wird nicht nur Bücher verkaufen wollen können. Das ist auch heute schon nicht so. Serien, Filme, VR-Welten, Orte als Literatur. Wir dürfen schon fragen, ob die Frankfurter Literaturmesse 2029 noch wesentlich von Büchern geprägt sein wird.