Die erstaunliche Geschichte eines Start-ups aus Nazareth aka Weihnachten.

Alle Jahre wieder himmelhoch jauchzend und mit Lametta behängt: Weihnachten ist der Inbegriff von Tradition und Behaglichkeit. Konsummotor und Sehnsuchtsort gleichermaßen. Wie hat das kleine, hoffnungsfrohe Start-up Christentum vor 2.000 Jahren die Grundlagen für diesen Erfolg gelegt? Was lässt sich an dieser Fallstudie für die Zukunft lernen? Eine kleine Religionskritik aus Sicht eines Zukunftsforschers.

Im Rückblick wird klar: Die Gründer haben von vornherein einige richtige Entscheidungen getroffen. Sie haben das Gründer-1×1 bereits erfolgreich exerziert. Rapid Prototyping sichert eine extrem kurze Entwicklungszeit, von der vergeistigten Eingebung bis zur Marktreife des Jesuskinds in knapp neun Monaten. Keine schlechte Leistung. Auch das Produkt schon deutlich vor dem Launch im Stall öffentlich anzukündigen, erwies sich als kluger Schachzug. Marias Lobgesang alleine hat es als „Magnificat“ in alle Top-Listen geschafft, Abteilung Religion, Weltanschauung und Spirituelles. Das Stück hat immer noch Millionen monatliche Hörer, jedenfalls im Dezember. Das sichert Aufmerksamkeit, ein Effekt, der durch die künstliche Verknappung noch verstärkt wird. Es gibt eben nur einen Jesus.

SEO am Sternenhimmel in Ermangelung zeitgemäßer digitaler Navigationssysteme sichert die Auffindbarkeit. Auch frühzeitig mit den Hirten auf dem Felde auf eine Follower-Strategie zu setzen, erwies sich als hilfreich. Fans statt Kunden berichten über ihr Weihnachtsglück. Besser als jede gesponserte Kundenrezension. Da stimmt der Marketingmix, die Löwen wären begeistert.

Als entscheidender Turbo für schnelles Wachstum darf die frühzeitige Internationalisierung gelten. Nach ersten Markttests in Ägypten zielt das junge Start-up direkt auf den gesamten Mittelmeerraum und identifiziert ein offensichtliches Kundenproblem. Tausende aufstrebende und vielfach gut gebildete Bürger in den Metropolen rund um das Mittelmeer wollen in der örtlichen Synagoge dazugehören. Ihr Bild eines gesellschaftlichen Aufstiegs ist eng verknüpft mit der Idee, Teil dieser attraktiven und als moralisch hochstehend wahrgenommenen Religionsgemeinschaft zu werden. Monotheismus rocks. Allein: Hipster sein zu wollen und doch keine jüdische Mutter zu haben, setzt dem Aufstieg eine harte Grenze. In diese Marktlücke stößt das Team des jungen Christentums. Als vollwertige jüdische Sekte erfüllt sie Hipster-Träume. Hier kann man Jude werden, ohne Wenn und Aber. Was heute als Rulebreaking-Methode vor allem die Seminarplätze von Start-up-Beratungen füllt, wird für das Start-up von Maria und Joseph aus Nazareth der Schlüssel zum Erfolg. Sie erfüllen den Hipster-Traum, dazugehören zu können. Für die junge religiöse Unternehmung ist das die Eintrittskarte für exponentielles Wachstum, aus dem Stall zur Weltreligion. Dass die angebotene Lösung in der darauffolgenden Wachstumsphase immer wieder in Spannung mit Recht und Gesetz stand, ist ein Effekt, den heutige Start-ups von Airbnb bis Uber nur allzu gut kennen. Wir lernen auch: Gewisse rechtliche Schwierigkeiten lassen sich durchaus lösen, wenn es Geduld und Funding nur ermöglichen, lang genug durchzuhalten.

Der Rest ist Handwerk. Eine stabile Organisationsstruktur, in regelmäßigen Abständen grundlegende Transformationsprozesse, erstklassiger Unterhaltungswert und immer wieder auch Skandale, Brot und Spiele eben. Bloß niemals langweilen. Ein konsequent angelegtes Omnichannel-Marketing sichert den kommunikativen Erfolg über jeden Medienbruch hinweg.

Zahlreiche Lizenzprodukte belegen die ungebrochene Attraktivität des christlichen Storytellings, von der weihnachtlichen Romcom aus Hollywood über die Abordnung der Zeugen Jehovas am örtlichen Hauptbahnhof bis hin zu Satanistengrüppchen. Wobei man durchaus den Eindruck gewinnen kann, dass der Lizensierungsprozess noch nicht ganz stringent ausgestaltet ist.

Im langjährigen Produkttest vermag vor allem ein grundlegendes Feature dieser Gründung zu überzeugen: Die visionäre Kraft der Gründungsidee. Eine neue, bislang unbekannte Zukunft antizipieren und sich mit vollem Einsatz – fragen Sie eine beliebige Mutter nach vollem Einsatz bei der Geburt ihres Kindes! – dafür starkmachen, dieses Bild der Zukunft auch zu realisieren, das ist wahrhaft exponentielles Denken. Das Gegenmodell zu Planfeststellungsverfahren landwirtschaftlicher Bauten, Brandschutzvorschriften im Stall und Datenschutz im Engelsgesang. Die visionäre Kraft sichert mehr als nur Attraktivität im Markt. Sie erreicht Herzen, auch 2000 Jahre nach dem Start. Wenn das keine frohe Botschaft für Gründer ist!